Das Haus der Grundmanns

Ein Brief aus London, von einer Nachfahrin der Grundmann-Familien aus Vlotho, nahm die Mendel-Grundmann-Gesellschaft zum Anlass, sich mit der Geschichte dieser Familien zu beschäftigen und das Schaufenster, Lange Straße 142, neu zu gestalten.

Die Grundmanns gehörten zu den jüdischen Familien, die im 19. Jahrhundert und zu Beginn des 20. Jahrhunderts das geschäftliche und gesellschaftliche Leben Vlothos mit geprägt haben. Die Familiengeschichte ist recht gut erforscht, wenn auch die Herkunft der Grundmanns nicht sicher ist. Auch bei der Festlegung des Familiennamens im Zuge der Judenemanzipation besteht noch Klärungsbedarf. Karl Großmann schreibt  in seiner »Geschichte der Stadt Vlotho«, dass aus »Mendel jetzt Grundmann« wurde. Leider bleibt er den Beleg schuldig.

Unser Stammbaum beginnt mit Jakob Mendel Grundmann (1764  bis 1837), der mit Sara Abraham (Hamlet) verheiratet war. Der »Handelsmann« Jakob Mendel Grundmann, den wir – um  Verwechslungen zu vermeiden – als Mendel Grundmann I bezeichnen, war wohl wie viele Juden damals in den ländlichen Leinenhandel eingebunden. Sein Sohn Levi Grundmann (geboren  1802) aber betrieb die Plattenmühle in Hollwiesen. Ein zweiter Sohn, Mendel Grundmann, – wir nennen ihn Mendel Grundmann II – war Lohgerber. Mit ihm und einem Sohn des Levi Grundmann, Mendel Grundmann III, wollen wir uns ausführlicher beschäftigen.

Im »Amtsblatt der Königlich-Preußischen Regierung zu Minden« wird unter dem 29. April 1859 bekannt gemacht, dass der Kaufmann Mendel Grundmann beabsichtige, auf seinem Grundstück in Vlotho Nr. 73 eine Lohgerberei »anzulegen«. Was ist eine Lohgerberei? In einer Lohgerberei werden Felle (hier Rinder- und Kalbsfelle) zu Leder verarbeitet. Bei dem Gerbeprozess wird Rinde (»Lohe«) von jungen Eichen und Fichten eingesetzt. Da ein solcher Betrieb mit Umweltbelastungen verbunden war (üble Gerüche, belastete Abwässer) konnten damals schon Einwendungen gegen die Genehmigung eines solchen Betriebes erhoben werden. Den genauen Verarbeitungsprozess kann man in den Genehmigungsakten, die im Stadtarchiv geführt werden, nachlesen. Da wird nicht nur Eichenlohe, sondern auch Kalk, Taubenmist, Tran und Talg eingesetzt, und es wird viel Wasser verbraucht. Die mit Hilfe chemischer Zusatzmittel gereinigten Abwässer werden in einer geschlossenen Leitung in den Forellenbach abgeleitet. Um Geruchsbelästigungen gering zu halten, müssen Abfälle, flüssige wie feste, zur Nachtzeit in geschlossen Behältern oder Tonnenwagen abgefahren werden. Mendel Grundmann II stirbt am 27. April 1871.

Besuch in der Synagoge in Petershagen.

Nach seinem Tod geht das Unternehmen auf seinen Sohn Michel Grundmann über, der den Betrieb 1889/90 noch erheblich erweitert. An der Langen Straße (Nr. 42/44) entsteht eine »Lohgerberei mit Dampfbetrieb«. Dazu gehören unter anderem ein Fabrikgebäude, ein Kesselhaus mit Fabrikschorn-stein und ein Lohschuppen. Über die wirtschaftliche Bedeutung des Betriebes sagen die Steuerleistungen etwas aus. So gehörte Michel Grundmann 1889 zu den fünf größten Steuerzahlern Vlothos. Nach seinem Tode (1910) wurde der Betrieb von seinen Söhnen Gustav und Max Grundmann weitergeführt. 1928 verkauften sie aber das Unternehmen an Heinrich Sellmann, dieser verlagerte den Betrieb 1934/35 nach Uffeln. Im Zuge der Stadtsanierung sind Betriebsgebäude und -gelände verschwunden. Das Privathaus des Michel Grundmann in der Moltkestraße besteht aber noch heute. Das Monogramm »M.G.« weist noch auf den Erbauer hin, der aber  tragischerweise im Jahr der Errichtung verstarb. Im Zuge der »Arisierung« jüdischen Vermögens kam die evangelisch-reformierte Gemeinde in den Besitz des Hauses.

Mendel Grundmann (III) wurde 8. März 1844 als Sohn des Mühlenbesitzers Levi Grundmann und seiner Ehefrau Rieke, geborene Adler, geboren. Von seinem Vater übernahm er zunächst die Platten-Mühle in Hollwiesen, die er aber um 1900 an Ernst Krüger verkaufte. Mendel Grundmann wandte sich dann anderen geschäftlichen Tätigkeiten zu. 1909 firmiert er als »Mendel Grundmann – Grottenstein- und Wesersandsteinbrüche«, Lange Straße 148. Er muss ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen sein, denn er besaß viel Grund und Boden in Vlotho und Umgebung. Mendel Grundmann, dessen Ehe kinderlos war, hatte eine soziale Einstellung. So erschloss er 1898 das Flurstück »Kamp« an der Valdorfer Straße, parzellierte das Gelände und verkaufte das Bauland zu einem fairen Preis, den sich Zigarrenarbeiter und Handwerker leisten konnten. Oft gab er noch günstige Darlehen dazu. So entstanden an der heutige Weidestraße zehn  Eigenheime. Die Häuser sind bis heute erhalten, zum Teil  sind sie aber umgebaut und erneuert worden.

Grundeigentümer der Stadt Vlotho 1910.

Mendel Grundmann starb am 8. Oktober  1914. Nach seinem Tode blieb die Erinnerung an den wohlhabenden Juden mit seiner sozialen Einstellung wach. So wurde schon in den zwanziger Jahren eine Siedlungsstraße nach ihm benannt. Als 1965 ein Mahnmal für die jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung geplant wurde, war es notwendig, einen Verein zu gründen. Zum Andenken an den verdienten jüdischen Bürger wurde dieser Verein »Mendel-Grundmann-Gesellschaft« genannt. In den Vereinsakten findet sich der Originalbrief von Ralph (Rudolf) Grundmann aus England an Helmut Urbschat, in dem er seine Zustimmung zu der Namensgebung erteilt: »Wir sind damit einverstanden, dass die von Ihnen angeregte Stiftung den Namen unseres Großonkels Mendel Grundmann trägt und zwar… als Stellvertreter oder Repräsentant der früheren Vlothoer Juden.« Gerade von dieser Grundmann-Familie, die Deutschland in der NS-Zeit verlassen musste und in England eine neue Heimat fand, kam der eingangs erwähnte Brief. Die Kontaktpflege zu emigrierten Vlothoer Juden gehört ja zu den wichtigen Aufgaben der Mendel-Grundmann-Gesellschaft. Über das Schicksal der Angehörigen der Grundmann-Familien in der NS-Verfolgungszeit soll in einem weiteren Beitrag berichtet werden.

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