Das Ehepaar Helene und Gustav Loeb

Auch in Vlotho wird in dieser Woche der Novemberpogrome des Jahres 1938 gedacht: Am 10. November um 12 Uhr findet auf Initiative der Mendel-Grundmann-Gesellschaft am Ehrenmal auf dem jüdischen Friedhof eine Gedenkveranstaltung mit Kranzniederlegung statt.

Aus diesem Anlass erinnert im folgenden Beitrag Manfred Kluge an die ersten Deportationen Vlothoer Juden vor 75 Jahren. Als Himmler am 23. Oktober 1941 ein Ausreiseverbot erließ für alle deutschen und europäischen Juden, die unter deutscher Herrschaft standen, bedeutete dies für viele das Todesurteil. Denn der nächste Schritt hieß: Deportation der Juden in die eroberten Ostgebiete. Die Folgen dieser Entscheidung werden hier am Schicksal zweier Vlothoer Familien aufgezeigt: der Familie Juchenheim und der Familie Loeb.

Familie Juchenheim

Dramatisch ging es bei der Familie Alwin und Paula Juchenheim zu, wie Ursula Credo berichtet; Zeitzeugin, Nachbarin und Freundin der Lore Juchenheim. Die Eltern hatten ihre Kinder Lore (geb. 1926) und Hans (geb. 1928) nach dem Schock des Novemberpogroms im Januar 1939 zu Verwandten in Holland gebracht. Selbst nach dem Einmarsch deutscher Truppen verblieben die Kinder in den Niederlanden. Ende November/Anfang Dezember 1941 bekam die Familie Juchenheim als erste jüdische Familie die amtliche Mitteilung, sich für den Transport in den Osten bereitzumachen. Amtlicherseits wurde verharmlosend von »Evakuierung« in den Osten gesprochen.

Am 9. Dez. 1941 beantragt Hans Juchenheim seine Kennkarte.

Zu diesem Zeitpunkt hielten sich aber ihre Kinder noch in den Niederlanden auf. Unsere Zeitzeugin berichtet: »Da holten die Eltern die Kinder Lore und Hans zurück. Als die Kinder wieder hier waren, habe ich Herrn Juchenheim die Frage gestellt: ›Warum haben Sie Lore und Hansemann zurückgeholt?‹ Daraufhin hat Herr Juchenheim geantwortet: ›Wenn wir gehen müssen, gehen wir zusammen!‹« Eine andere Entscheidung hätte man zu diesem Zeitpunkt von den Eltern auch nicht erwarten können, als noch niemand wusste, was mit den verschleppten Personen geschehen würde. Im Übrigen wird die weitere Entwicklung zeigen, dass die Juden in den Niederlanden ebenso gefährdet waren wie die in Deutschland. Die Zeitzeugin berichtet, dass die Familie Juchenheim von Vlotho aus in Polizeibegleitung mit der Bahn nach Bielefeld gebracht wurde.

Die dramatischen Geschehnisse schlagen sich auch in den Dokumenten nieder, die im Stadtarchiv vorliegen. So kann man aus dem Antrag auf Ausstellung einer (Juden-)Kennkarte ersehen, dass sich Lore und Hans Juchenheim am 6. Dezember 1941 in Vlotho zurückmelden. Am 9. Dezember unterschreiben sie ihren Antrag. Am 10. Dezember 1941 wird die vierköpfige Familie von Vlotho aus nach Bielefeld gebracht, wie es die Zeitzeugin beschrieben hat. Am 13. Dezember 1941 verließ der Personenzug Bielefeld mit dem Zielort Riga. Dort traf er am 16. Dezember 1941 ein. Was sich dort ereignete, hat Artur Sachs, ein Überlebender dieses Transportes, später Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Bielefeld, beschrieben: »Im selben Moment, als wir den Zug verließen, begann für uns die richtige KZ-Zeit. Wir wurden sofort von der SS mit ihren Hunden und Peitschen in Empfang genommen. Wer nicht schnell genug laufen konnte..., wurde auf der Stelle erschossen, alte Menschen wurden niedergeschlagen und sofort abtransportiert...«

Die Hoffnung der Eltern, als Familie zusammenbleiben zu können, erfüllte sich nicht. Mutter und Tochter kamen im Juli 1944 nach Stutthoff bei Danzig. Dort verlieren sich ihre Spuren. Vater und Sohn kamen überraschenderweise wieder ins Reichsgebiet zurück: in das KZ Dachau bei München. Dort fand Alwin Juchenheim am 6. Dezember 1944 den Tod. Hans Juchenheim konnte die Befreiung des Lagers noch erleben, starb aber am 2. Juni 1945 an den Folgen der Haft.

Gustav und Helene Loeb

Bei Gustav und Helene Loeb, die nach dem Überfall auf ihr Geschäft und dem anschließenden Zwangsverkauf nach Hannover verzogen waren, lassen sich die Geschehnisse in den Briefen nachlesen, die sie an ihren in die USA ausgewanderten.

Alwin Juchenheim

Sohn Hans schreiben (die Mendel-Grund-mann-Gesellschaft erhielt 2001 die Briefe aus dem Loeb-Nachlass). Der (zu) späte Versuch der Familie Loeb, in die USA auszuwandern, war durch die strengen Einwanderungsbedingungen der USA und schließlich durch die politische Lage im Sommer 1941 gescheitert. Mit Hilfe ihres Sohnes und weiterer Verwandter in den USA bemühten sie sich nun um eine Auswanderung nach Kuba.

Gustav und Helene Loeb

Tatsächlich erhalten sie am 24. Oktober 1941 ein Telegramm, das ihnen bestätigt, dass die Einreisepapiere für Kuba auf dem Wege seien. Die Mutter schreibt freudig ihrem Sohn: »Wir hoffen, dass der Tag bald kommen wird, wo wir Dich umarmen können« (Brief vom 25. Oktober 1941). Dass zur gleichen Zeit ein generelles Ausreiseverbot für Juden erlassen wird, können sie nicht ahnen.

Paula Juchenheim

Gustav und Helene Loeb

In den folgenden Tagen muss Himmlers Anordnung auch in den Hannoverschen Judenhäusern bekannt geworden sein. Aber es kommt noch schlimmer: Ihnen droht die Deportation und sie müssen die entsprechenden Vorbereitungen treffen. Im nächsten Brief, datiert vom 10. November 1941, kommt der Vater nicht umhin, seinem Sohn mitzuteilen, dass »seit acht Tagen eine ganz neue Situation entstanden ist, die eine Auswanderung aussichtslos erscheinen lässt.« Alle Bemühungen um eine Einreise nach Kuba seien umsonst gewesen. Die Mutter kann ihre große Enttäuschung nicht zurückhalten und schreibt: »Wann und ob wir uns nun noch einmal wiedersehen, das lässt sich leider heute nicht sagen...« Onkel Georg, der Bruder Gustav Loebs, fügt in dem Brief hinzu: »Gegenwärtig steht ein anderes Land im Mittelpunkt, das als Reiseziel in Frage kommt...« Dieser Satz bekommt eine Vieldeutigkeit, wenn man erfährt, dass sich Georg Loeb kurz vor der geplanten Deportation das Leben nimmt.

Lore Juchenheim

Mit dem ersten Transport, der von Hannover aus in den Osten geht, werden Gustav und Helene Loeb, zusammen mit Melitta Loeb, der Ehefrau des Georg Loeb, nach Riga deportiert. Es ist der 15. Dezember 1941. Drei Tage später kommen sie in Riga an, wo im Rigaer Ghetto die katastrophalen Verhältnisse herrschen, die Artur Sachs beschrieben hat. Der Tod ist hier allgegenwärtig. Von der Loeb-Familie kam niemand zurück.

41 Vlothoer Holocaustopfer

1942 werden die noch in Vlotho verbliebenen Juden in zwei weiteren Deportationsschüben in die Konzentrationslager verschleppt: am 31. März ins Warschauer Ghetto und 31. Juli nach Theresienstadt. Am Ende hat Vlotho 41 Holocaustopfer zu beklagen. 41 Stolpersteine in der Stadt sollen an sie erinnern, denn: »Sie waren Bürger unserer Stadt«.

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