Das "Schaufenster gegen das Vergessen"

Genau heute vor 71 Jahren, am 27. Januar 1945, ist das Konzentrationslager Auschwitz von sowjetischen Truppen befreit worden. Aus Anlass dieses Jahrestages hat die Mendel-Grundmann-Gesellschaft ihr »Schaufenster gegen das Vergessen«, Lange Straße 142, thematisch umgestaltet.

Schwerpunkt ist in diesem Jahr das Schicksal der Margarethe Bräutigam, die an diesem Tage in Auschwitz-Birkenau befreit wurde. Ihr Schicksal wird mit zwei neuen Ausstellungsplakaten gewürdigt. Zum Gedenktag hat Manfred Kluge den folgenden Beitrag verfasst.

Das Schicksal der Margarethe Bräutigam, geborene Schürmann, aus Vlotho ist ein besonderes. Am 15. September 1893 als Kind jüdische Eltern geboren, trat sie später zum katholischen Glauben über. 1921 heiratete sie in Vlotho Johann Bräutigam, der aus einer katholischen Familie stammte. Die Ehe wurde bereits 1926 wieder geschieden. Ihr Sohn, katholisch getauft und erzogen, bezeichnete die Mutter später als eine »fromme Katholikin«.

Nach der nationalsozialistischen Rassenlehre aber blieb Margarethe Bräutigam Jüdin, wurde ebenso diskriminiert und verfolgt wie die jüdischen Mitbürger. Beim November-Pogrom 1938 wurde ihre Mietwohnung in einem Haus in der Herforder Straße überfallen und die Wohnungseinrichtung verwüstet – während ihrer Abwesenheit. Nach dem Schock des Novemberpogroms verließ sie Vlotho und zog zu ihrem Sohn nach Neheim/ Ruhr. Dort wurde sie am 29. Oktober 1941 erstmals verhaftet. Als sie im März 1942 wieder in Freiheit war, drohte ihr die Deportation nach Theresienstadt. Um der Verschleppung zu entgehen, tauchte Margarethe Bräutigam unter. In der Illegalität musste sie ständig ihren Unterschlupf wechseln. Freunde und Bekannte versorgten sie mit Nahrungsmitteln.

Am 7. November 1943 wurde sie in Detmold erneut festgenommen. Weitere Haftzeiten in verschiedenen Gefängnissen schlossen sich an. Schließlich, vermutlich im Herbst 1944, wurde sie in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau verbracht. Sie bekam die Häftlingsnummer 82067.

Welchen Zufällen Margarethe Bräutigam es zu verdanken hat, dass sie das Todeslager überleben konnte, wissen wir nicht. Sicher ist, dass sie am 27. Januar 1945 in Auschwitz-Birkenau befreit wurde. In ihrem Wiedergutmachungsantrag gibt sie allerdings den 3. Februar 1945 als Tag der Befreiung an. Die Wiedergutmachungsbehörde korrigierte aber das Datum: Auschwitz sei am 27. Januar 1945 befreit worden. Die Entschädigung für den Monat Februar muss sie wieder zurückzahlen. Für jeden Tag in der Haft oder im Konzentrationslager erhält sie 5 DM als Entschädigung, also 150 DM monatlich. »Dieser unverschämt niedrige Entschädigungssatz ist übrigens nie erhöht worden«, schreibt Manfred Kluge.

Nach der Befreiung kam Margarethe Bräutigam kurzfristig nach Vlotho zurück, wanderte aber 1951 zusammen mit ihrem Sohn in die USA aus. 1957 kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. Sie starb 1963 in ihrer Geburtsstadt Bad Oeynhausen. Neben Margarethe Bräutigam haben noch drei weitere Vlothoer Auschwitz überlebt:

Henny Silberberg und Tochter Marianne, die in das KZ Groß-Ro- sen verlegt wurden und dort am 8. Mai 1945 befreit wurden, sowie Günter Katz, der in einem Außenlager von Auschwitz im Arbeitseinsatz war. Hier deutet sich an, wie Häftlinge Auschwitz überleben konnten: Wer körperlich stark genug war, dass die Nazis ihn weiterhin als Arbeitskraft ausbeuten konnten, und aus dem Bereich des reinen Vernichtungsapparats in ein Zwangsarbeitslager verlegt wurde, hatte in der Endphase des Krieges, also 1944/45, vielleicht die Chance zu überleben.

»Unser besonderes Gedenken gilt an diesem Tag aber den in Auschwitz Ermordeten«, betont Kluge im Namen der Mendel-Grundmann-Gesellschaft und erinnert an folgende ehemalige Vlothoer Mitbürger: Hilde Lore Simon, geborene Speier, von Westerbork/NL nach Auschwitz deportiert, Todestag: 30. September 1942; Erich Katz, von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, Todestag: 30. September 1944; Irma Katz, von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, Todestag: 9. Oktober 1944; Willy Silberberg, von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, Todestag: 9. Oktober 1944; Magdalene Grundmann, vom Warschauer Ghetto (vermutlich) nach Auschwitz deportiert, Todestag unbekannt.

Der Name Auschwitz ist zum Synonym für den Holocaust an sich geworden, heißt es in dem Aufsatz zum Gedenktag weiter. Kluge: »So gedenken wir natürlich aller Vlothoer Opfer, die weit verstreut in den verschiedenen Konzentrations- oder Todeslagern den Tod fanden in Theresienstadt, Treblinka, Sobibor, im Warschauer Ghetto, in Riga, Stutthoff, Groß-Rosen, Bergen-Belsen oder in Dachau. Wir erinnern an sie, denn sie alle waren Bürger unserer Stadt.«

Aus Anlass des Gedenktages für die Opfer des Nationalsozialismus lädt die Mendel-Grundmann-Gesellschaft für heute zu einer Gedenkstunde ab 19.30 Uhr ins Ge- meindehaus an der Moltkestraße in Vlotho ein. Es wird aus den Erinnerungen der Auschwitz-Überlebenden Marianne Gottesmann-Silberberg »Kindheit und Jugend in Vlotho« gelesen. Familie Ausländer und das St.Johannis-Chorprojekt singen und spielen jüdische Lieder.

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